Wir alten Sottrumer erinnern uns ja alle gerne an Fräulein Flessner. Eva Flessner, das war noch eine Lehrerin der Art, die es heute gar nicht mehr gibt. Fingernägelkontrolle, Taschentuchkontrolle, und jeden Tag ein Diktat. Jeden Tag, Die Hefte nahm sie dann mit nach Hause, und am andern Vormittag gab es die korrigierten Arbeiten zurück. 200 Diktate im Schuljahr. Der Klassenbeste hatte drei Fehler im ganzen Jahr, ein paar arme Schweine hatten jedesmal über zwölf, das war dann eine 6. Jeden Tag eine 6 kriegen ist nicht übermäßig witzig. Jeden Tag 23 Hefte mit nach Hause nehmen ist auch nicht ganz lustig, denk ich mal. Sie hatte wohl nichts anderes zu tun.
Streng, aber gerecht! Das war das Urteil unserer Eltern, unserer lieben Sottrumer Eltern, die hatten ja auch schon bei ihr Unterricht gehabt, und sie wussten, was gut war. Strenge und Gerechtigkeit.
Damals war kaum jemand geschieden. Das heißt, das kann sein, vielleicht war doch jemand geschieden. Aber nicht in Sottrum. Und wenn doch, dann wusstze man das nicht. Auf jeden Fall wurde darüber nicht geredet. Jedenfalls nicht öffentlich. Meistens war es dann so, dass die Frau eine Kriegerwitwe war, das war in Ordnung. Oder, wir erinern uns, die wohnte doch da in der Bahnhofstraße und dann ein bisschen links, Im middelsten Schlage, sagten wir früher dazu. Und diese die Frau Wichmann oder Wiechmann oder Wiemann oder so, ist auch egal, und die hatte ein un!-eheliches Kind! Wir hatten damals keine Ahnung, was das wohl sein könnte, aber wir wussten: was Gutes kann das schon mal nicht berdeuten, das hörte man.
Diese Frau Willmann oder Wiegberts, die hatte keinen Mann, deshalb musste sie als Schneiderin arbeiten. Sie nähte Kleider für Frauen, die einen Mann hatten, aber keine Zeit und keine Nähmaschine.
Auch Fräulein Flessner hatte keinen Mann. Ein Fräulein hat nie einen Mann, das ist ja wohl logisch, und eine Lehrerin war ein Fräulein und also nicht verheiratet. Irgendwie logisch.
Fräulein Flessner hatte auch einen Sohn, der hieß Manfred. Manfred war in unserer Klasse, und so war seine Mutter auch seine Lehrerin. Erkonnte ja schlecht jeden Morgen nach Stukenborstel laufen zur Schule oder nach Reeßum.
In der Schule musste er „Fräulein Flessner“ sagen zu seiner Mutter. Das war witzig, aber als Bernie Jakobs darüber lachte, hat er ein paar hinter die Ohren gekriegt und wir haben nie mehr darüber gelacht. Das war ja auch gar nicht witzig. Weil Fräulein Flessner streng aber gerecht war, war sie auch zu Manfred gerecht, aber streng.
Manfred wurde dann Polizist. Polizist ist ein schöner Beruf, der natürlich auch seine Schattenseiten hat, aber wo ist das nicht so. Die größte Hürde, bevor man Polizist ist, besteht in der Aufnahmeprüfung. Da hatte Manfred aber Glück. Die beiden wichtigsten Prüfgebiete waren Rechtschreibung und Sport. Beides konnte Manfred überaus gut, dank Mama. Dank Fräulein Flessner natürlich.
Manfred Flessner wurde natürlich Polizist in Sottrum, wie denn auch anders. Das war ein Vorteil und zugleich ein Nachteil. Wenn er zu uns Klassenkameraden sagte, dass wir falsch geparkt hätten, dann lachten wir nur. Aber einmal war ein Erpresser am Werk, der hat verschiedenen Männern Briefe geschickt, dass er was weiß, vonwegen sie hätten was mit ‘ner andern Frau, und wenn sie nicht ein bisschen Kohle rüberwachsen ließen, dann könne man für gar nichts garantieren …
Sie haben alle gezahlt. Dummerweise hatte der Erpresser eine Kontonummer angegeben. Als Mama Flessner davon hörte, tippte sie gleich auf Günter Meyer. „So dumm kann nur Günter Meyer sein“, sagte die alte Lehrerin, „Manni, nimm ihn fest!“
Nun nahm Manni ihn nicht einfach fest, das wäre ja einigermaßen ungesetzlich, aber als er an Günter Meyers Haustür klingelte, warf dieser das Handtuch: „Leugnen zwecklos?“
„Absolut“, sagte Manfred, unser Dorfsheriff, „am besten gibst du alles zu. Das gibt mildernde Umstände.“
Günni gab alles zu, und Manni war der Held. Sein Ruf verbreitete sich Wiestetal und an den Ufern der Wümme. Und Mama war so stolz auf ihren Jungen.
So ein Erpresser findet natürlich Nachahmer, überall, also auch in Sottrum. Dieser neue Erpresser hatte natürlich in der Kreiszeitung gelesen, dass man seine Kontonummer besser nicht angibt. Er verlangte, das Geld in eine Plastiktüte verpackt in einen Müllbehälter in der St.-Georg-Straße zu stecken. Das klappte anscheinend sehr gut.
„Das können wir uns doch nicht gefallen lassen!“ sagte Herr N., dessen vollen Namen wir hier aus nachvollziehbaren Gründen nicht nennen werden. Er saß mit P. und S. nach der Skatrunde noch bei einem letzten Bier zusammen.
„Ja, was sollen wir denn machen?“ murmelte S. undeutlich vor sich hin.
„Das Schwein könnten wir kriegen“, warf P. in den Raum, „wenn wir uns nur einig sind.“
S. schöpfte Hoffnung. Er blickte hoch. N. nickte, das sollte als Aufforderung verstanden werden. N. Verstand
„Zunächst einmal, Kollegen,“ legte er los, wollen wir mal klarstellen, dass wir alle drei erpresst werden. Und wir wissen, warum!“ Die beiden andern stimmten zu.
„Wir könnten zur Polizei“, sagte N., „aber…“ N. Genoss die folgende Pause. Die beiden andern litten. „Aber“, fuhr N. schließlich fort, „das wollen wir nicht. – Oder?“
P. wollte keinesfalls, S. blickte unruhig im Raum umher.
„Noch ‘n Bier?“ fragte die blonde Bedienung von der Theke her. Noch ‘ne Runde.
Der Plan war einfach. Sie würden eine Plastiktüte mit Papierschnitzeln im Mülleimer deponieren und dem Erpresser auflauern. Immer zu zweit in der Nähe sein, das wär doch gelacht. „Pläne müssen immer einfach sein“, erläuterte N. beim allerletzten Bier, „alter Grundsatz beim Militär.“ So zutreffend diese Einschätzung möglicherweise ist, der Plan führte nicht zum Erfolg, im Gegenteil. Alle drei erhielten einen bösen Brief.
„Wenn du nich zahlen tus mit richtiges geld geht dich das schlech. ☻“
Zwei zahlten, einer ging zur Polizei. Manni verstand das Problem sofort. Der Ball musste flach gehalten werden, bloß kein Aufsehen, nicht dass die Ehefrauen was merkten, das bringt nur neuen Ärger und löst auch nicht ein Problem. Manni wusste das. Er war nicht verheiratet – besser als bei Mama konnte er es ja gar nicht kriegen, aber er hatte ein waches Ohr. Musste er ja auch, als Polizist. „Peter“, sagte er abschließend, „Peter, das kriegen wir hin!“ Manfred wusste noch nicht wie, aber er hatte durchaus Hoffnung, das spürte auch Peter, sein alter Klassenkamerad, und ging erleichtert durch den Hinterausgang der Polizeistation, durch die Garage und über den Hof davon.
Mittagspause. Mutter Flessner hatte wieder lecker gekocht. Kohlrouladen, eins von Mannis Leibgerichten. Alles hat natürlich seinenn Preis, auch die Kohlroulade bei Muttern. Mama wollte neue Nachrichten. „Versprichst du, dass du nichts davon weitersagst, Mama?“
„Mein Junge, du bist doch Polizist. Da ist doch Verschwiegenheit Pflicht. Und nun erzähl mal!“
Als Manfred Flesssner zu Ende war mit diesem ungelösten Fall, dachte Mutter lange nach. Dann sprang sie auf: „Zeig mal den Brief!“
„Den Brief?“ Manni hatte die Beine hochgelegt, eigentlich wartete er auf seinen Kaffee, und nun das. „Welchen Brief?“
„Den Erpresserbrief natürlich. – Hast du den etwa nicht beschlagnahmt?“
„Nein. Ja…“
Es half nichts. Manni musste seine Mittagsstunde unterbrechen, schnell aufs Fahrrad, Lienworth hoch, Raiffeisenstraße, ein kleines Stück Große Straße, und dann zwischen den Grünanlage die Abkürzung.
„Dich werden wir kriegen!“, sagte Eva Flessner zu sich selbst, aber eigentlich mehr zu ihrer Klasse. Da saßen sie alle vor ihr, Hausaufgabenkontrolle, sie hatte die Schulhefte mit den krakeligen Handschriften direkt vor Augen, und als Manni endlich wiederkam, sehr schnell wiederkam, da sagte sie: „Lass mal sehn.“ Und es war genauso, wie sie geahnt hatte: Solche Fehler machte schon damals nur Friedrich, Fritzi genannt. Und auich die Schrift. „Fritzis Schrift“, sagte Fräulein Flessner, genauso verstellt wie damals, als er sein Fehlen entschuldigte mit einem Brief, den angeblich seine Mutter geschrieben hatte. Und dann: der ist bei der Müllabfuhr. Klar, dass der nicht erwischt wird, wenn er den Mülleimer leer macht. – Manni, nimm ihn fest!“
Nun nahm Manni ihn nicht einfach fest, das wäre ja einigermaßen ungesetzlich, aber als er an Friedrich Müllers Haustür klingelte, warf dieser das Handtuch: „Leugnen zwecklos?“
„Absolut“, sagte Manfred, unser Dorfsheriff, „am besten gibst du alles zu. Das gibt mildernde Umstände.“
Fritzi gab alles zu, und Manni war der Held. Sein Ruf verbreitete sich weiter im Wiestetal und an den Ufern der Wümme. Und Mama war so stolz auf ihren Jungen.
So verlief ihr Leben schön geregelt, hin und wieder durch kleine Erfolge geschmückt, und so hätte es immer weiter gehen können. Bis eines Tages…
Es hatte Sauerkraut mit Haxe gegeben, oder besser Haxe mit Sauerkraut, Manni aß ja so gern Fleisch. Jetzt lag er auf dem Sofa und wartete auf seinen Kaffee. Mutter hatte ihm das Kreisblatt in die Hand gedrückt. „Na, Junge, gibt’s was Neues?“, rief sie aus der Küche, wo sie den Abwasch schnell erledigte. Gerade wollte Manni zurückrufen: „Natürlich nichts, Mama!“, da fiel sein Blick auf eine kleine Notiz:
Obdachloser tot aufgefunden
Am vergangenen Donnerstag haben angelnde Jugendliche am Wümme-Ufer den Obdachlosen Wolfgang Sch. tot auf-gefunden. Wie die Polizei mitteilte, ist auf Grund der Verlet-zungen von einem Tod durch Gewalteinwirkung auszugehen.
Das Opfer hatte zum Zeitpunkt der Untersuchung noch 3,7 ‰ Alkohol im Blut. Sachdienliche Hinweise ….
Die Wümmewiesen, das lag nicht mehr auf Sottrumer Gebiet, gut so. Aber dass er davon erst aus der Zeitung erfuhr, das war nicht in Ordnung. Andrerseits, wahrscheinlich hatte er sich so recht viel Ärger erspart. Immer unerfreulich, Mord – oder meistens Totschlag – in der Saufbrüderszene. Wolfgang Sch. – das war doch nicht etwa… Robinson?
„Mama, sie haben einen erschlagen an der Wümme! Wolfgang, ich denk mal, Robinson.“
„Robinson?“, Mutter Flessner kam aus der Küche gestürzt, „Robinson haben sie umgebracht? Junge, wieso erfahren wir das erst aus der Zeitung?“
„Nicht mehr unser Gebiet“, sagte Manni, „aber du hast Recht, das hätte man mir sagen müssen.“
„Ist das da schon Landkreis Verden“, überlegte Eva Flessner, „dann wundert einen das ja nicht! – Na, nun trinken wir erst mal Kaffee!“
Robinson hieß Robinson, weil er lebte wie Robinson. Auf einer einsamen Insel, weit ab von der Zivilisation. Zwar war es gar keine richtige Insel, aber von Sottrum kommend musste man über die Wümme, quer durch die Natur, und Robinson hatte natürlich zwei Ziegen und eine Art Höhle, in der er mit den Ziegen wohnte. Meistens lebte er draußen. Hin und wieder kam er in den Ort, und kaufte Schnapsund Ölsardinen ein, und ein paar Dosen Bier. Irgendwie konnte er sich das leisten. Da er niemals bettelte, völlig harmlos war, freundlich und machmal sogar richtig witzig, war er nicht unbeliebt in Sotrum. Einige nicht so ganz erfolgreiche Schüler der Realschule wollten später mal genauso leben wie Robinson.
Ein paar Wochen später las man im Kreisblatt folgende Notiz:
Vermutliche Täter gefasst
Am vergangenen Dienstag hat die Polizei Verden die beiden Ob-dachlosen Walter D. und Peter D. festgenommen unter dem Verdacht der schweren Körperverletzung mit Todesfolge. Die beiden sollen im August den ehemaligen Sottrumer Wolfgang Sch., gemeinhin als „Ro-binson“ bekannt, bei einer tätlichen Auseinandersetzung unter starkem Alkoholeinfluss so schwer verletzt haben, dass der Tod unmittelbar darauf eingetreten sein muss. Aufgrund der Aussage der beiden Tat-verdächtigen muss von einem Blualkoholwert von annähernd 5 ‰ zur Tatzeit ausgegangen werden.
Die Schüler der Realschule Sottrum diskutierten über den Fall. Sie waren sich einig, dass die Mörder „lebenslänglich“ kriegen müssten. „Wie kann man wohl so einen Kumpel wie den Robinson einfach totschlagen?“, war eine typische Frage, „solche Leute müssen doch pervers sein!“ Der Politiklehrer lud Manfred Flessner in die Schule ein, um ein bisschen Dampf aus der Angelegenheit zu nehmen.
„Tja,“ sagte Manni, „ihr seid nicht zufrieden, wenn die Täter nicht anständig bestraft werden, und wir als Polizei sind das auch. Aber so wie der Fall liegt … mit besoffenem Kopp den Kollegen erschlagen … und die Zeugin kann sich auch nicht richtig erinnern … Wenn die man drei Jahre kriegen…“
Das Landgericht Verden stellte fest, dass der Tathergang folgendermaßen abgelaufen sei: Die beiden Tatverdächtigen Walter D. und Peter D. sowie dessen Freundin Cornelia B. hätten ihren Bekannten Wolfgang Sch., genannt Robinson, in dessen Behausung besucht und im Verlaufe des Besuches erhebliche Mengen alkoholischer Getränke zu sich genommen. Da Wolfgang Sch. Im Laufe des Abends die Cornelia B. „angebaggert“ habe, wie deren Freund Peter D. aussagte, sei Peter D. wütend geworden und schließlich „ausgerastet“. Mehr wisse er nicht, und auch Walter D. und Cornelia B. Hätten nur verschwommene Erinnerungen, was eigentlich geschehen sei. Am nächsten Vormittag, als sie wieder aufgewacht seien, wollten sie nicht bemerkt haben, dass ihr Bekannter Wolfgang Sch., genant Robinson, tot dagelegenn habe. Aufgrund stark verminderter Schuldunfähigkeit wurden Peter und Walter D. zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt.
„Mama, ein Jahr haben die gekriegt, ein Jahr!“
Mutter Flessner stellte den Kaffe auf den Tisch: „Junge, setzt dich mal hin. Wir haben was zu reden!“
„Mama, die schlagen einen Menschen tot, und dann … ein Jahr!“, Manni verstand die Welt nicht mehr, setzte sich aber hin. „Was ist denn, Mutter?“
„Nun trinken wir erstmal Kaffee. Und dann hörst du mir zu.“ Sie schenkte den Kaffee ein, Milch dazu, zwei Stücke Zucker, ein paar selbstgebackene Kekse. „Ich meine, dass ein Jahr Gefängnis für einen Mord zu wenig ist, und sogar wenn Leute im Suff gar nicht wissen, was sie tun. Viel zu wenig. Aber für Walter undc Peter ist das zu viel.“
„Zu – viel?“, fragte Manni, „ZUVIEL?“
„Finde ich, ja“, sagte Mutter Flessner, „weil nämlich: Die haben das gar nicht getan, glaube ich.“
„Das kannst du doch nicht sagen, Mama, die sind rechtskräftig verurteilt, das ist doch alles bewiesen!“
„So?“, rief Eva Flessner, „alles bewiesen? Alles in Ordnung? Die Gerechtigkeit hat makl wieder gesiegt? Mein Junge, da ist noch gar nichts bewiesen. Eine Schlamperei ohnegleichen. Ach, warum musste Robinson auch im Landkreis Verden ermordet werden, warum…“
„Mama, was redest du da?“, fragte Manni unsicher.
„Guck mal. Wir kennen doch Peter und Walter. Die können keiner Fliege was zu Leide tun.So waren sie schon damals in der Schule. Immer haben sie sich verhauen lassen, von einigen Mädchen sogar. Die machen sowas nicht.“
„Mama, da hast du Recht. Das können die gar nicht!“
„Siehste. –. Also: Wer war ‘s dann? Das ist doch die Frage. Du durftest da ja nicht ermitteln, Junge, aber deine Mutter, die konnte da ja mal nachsehen. Und das hat sie dann auch getan. Eine Tatortbesichtigung vorgenommen.“
„Mama!“, sagte Manfred unentschieden.
„Hier, guck dir mal diese Fotos an!“
Manni betrachtete die Fotos, die seine Mutter ihm in die Hand drückte, er sah ein ungepflegtes Rasenstück mit Flschen, Essensresten, Fußspuren.“
„Und?“
„Was soll ich da sehen, Mama?“
„Was du da sehen sollst? Junge, bin ICH bei der Polizei oder du?“
Am liebsten hätte Manni gesagt: „Du!“, aber das traute er sich nicht. „Nein, Mama, ich seh da nichts Auffälliges.“
„Die Fußspuren! Wer hat so große Füße, das ist doch Größe 48.“
„Ja.“
„Und?“ Eva Flessner geriet in Fahrt. Größe 48, das hat nicht jeder. Zum Beispiel Robinson nicht. Und Peter und Walter auch nicht. Die haben eher kleine Füße. Und Cornelia, Zwergenfüße.“
„Ja, Mama, das stimmt! – Aber warum sind Peter und Walter dann in den Knast gegangen?“
„Vielleicht, weil sie Geld dafür gekriegt haben. Und so übel ist das im Gefängnis ja auch wieder nicht, wenn du sonst obdachlos bist.“
„Aber wer soll ihnen denn Geld gegeben haben dafür?“
„Na, der Mörder natürlich. Und wenn du jetzt fragst, wo der das her hat: Von Wrobinson natürlich.DEr hatte doch Geld, die Erbschaft von seinem Stiefvater. Und das Geld ist …“
„…weg!“, rief Manni begeistert. „Mama, du bist so schlau!“
„Und da hab ich mir gedacht, wer kann nun der Mörder sein. Und der muss ja Walter und Peter gut kennen, man kann ja nicht jeden X-beliebigen in den Knast gehen lassen. Da fiel mir Helmut ein, der große Bruder von Peter und Walter. Der ist rotzfrech, aggressiv und braucht immer Geld. Das war schon in der Schule so.“
„Und der hat echte Quadratlatschen!“, ergänzte Manfred. So konnte er wenigstens etwas beitragen zur Lösung des Falles.
„Und eingebildet ist er auch“, fügte Mutter Flessner hinzu, „und darum ist Weitere ein Kinderspiel: Ich also zu Schlobohm und frage da ganz harmlos, ob sie auch Schuhe Größe 48 haben. Haben sie, aber nicht so ganz viele. Ob die denn auch jemand kauft? Und, mein Junge? – Helmut, in der Woche, nachdem Robinson totgeschlagen worden ist. – Manni, nimm ihn fest!“
Nun nahm Manni ihn nicht einfach fest, das wäre ja einigermaßen ungesetzlich, aber als er bei Helmut D. an der Haustür klingelte, warf dieser das Handtuch: „Leugnen zwecklos?“
„Absolut“, sagte Manfred, unser Dorfsheriff, „am besten gibst du alles zu. Das gibt mildernde Umstände.“
Helmut gab alles zu, und Manni war der Held. Sein Ruf verbreitete sich noch weiter im Wiestetal und an den Ufern der Wümme. Und Mama war wirklich stolz auf ihren Jungen.
Carl-Heinz Dirks schrieb diesen Krimi für den Wettbewerb “800 Jahre Sottrum”

