Der Wandel auf dem Buchmarkt und die Chancen plattdeutscher Literatur

 

Auf dem Buchmarkt hat es in den vergangenen Jahren eine großen Wandel gegeben, und die neu entstandenen Strukturen werden sich in den nächsten Jahren noch weiter ausbreiten und verfestigen.

Im Wesentlichen haben sich drei Aspekte des Buchhandels gewandelt:

1. Die Größe der Buchhandlungen

2. Das Einkaufsverhalten der Buchhandlungen

3. Die Anzahl und Verfügbarkeit der jährlich produzierten Bücher

Bevor ich die Chancen der plattdeutschen Titel am Markt darstelle, möchte ich zunächst die einzelnen Punkte etwas näher erläutern.

Zur Größe:

Es gibt jetzt schon verstärkt ­ und in Zukunft ausschließlich ­ zwei Größen von Buchhandlungen. Zum einen die ganz großen Ketten, wie z. B. Thalia oder Weiland, und zum anderen gibt es die ganz kleinen Geschäfte. Die mittelgroße Buchhandlung verschwindet zunehmend von der Bildfläche. Sie ist wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Lage, da sie alle Nachteile einer kleinen Buchhandlung und alle Nachteile einer großen vereint, die Vorteile der zwei anderen aber nicht voll nutzen kann. Vor- und Nachteile sind zum Beispiel: Fixkosten, Buchhaltung, Bestellmengen, Umsatz pro Mitarbeiter, Lagenausstattung, etc.

Die großen Fillialisten decken mittlerweile in fast allen größeren und mittelgroßen deutschen Städten den Markt für Bücher fast vollständig ab. Dies lässt nur noch Raum für kleine, spezialisierte Geschäfte, die sehr sorgfältig wirtschaften.

Zum Einkaufsverhalten:

In den großen Ketten ist es üblich, dass eine zentrale Einkaufsabteilung den Einkauf und somit auch den Warenbestand einer Buchhandlung für alle Filialen regelt. Es werden mit den Verlagen die Konditionen ausgehandelt und die einzelnen Läden werden dann aus dem Zentrallager beliefert. Es bleibt für den Buchhändler in den Geschäften hier nur ein kleiner Spielraum bei der Angebotsgestaltung. Aktionen, Trends und Absatzgeschwindigkeit eines Titels bilden die Grundlage der im Laden ausgestellten Bücher.

In kleinen Firmen sind spezielle Themen, Kundenkreise und Nischenprodukte die Grundlage für die Einkaufsplanung. Da der Warenbestand einer der größten Kostenfaktoren ist (Lagerkosten, Kapitalbindung), ist ausgesprochen wichtig, den Warenbestand sehr sorgfältig zu prüfen und das Einkaufsverhalten an die Verkaufsmöglichkeiten anzupassen, da sonst ein wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr möglich ist.

Um das Einkaufsrisiko und die damit verbundenen Kosten darzustellen, will ich eine Beispielrechnung anführen.

Es wird ein Buch mit einem Verkaufspreis von 10 Euro eingekauft. Die üblichen Konditionen sind: 30 Prozent Rabatt, und die Rechnung soll nach 30 Tagen bezahlt werden.

Verkaufspreis 10 Euro
-Rabatt 30 % 3 Euro
Einkaufspreis 7 Euro
-Portokosten 1 Euro
Selbstkostenpreis 8 Euro
Gewinn 2 Euro

Nun gelingt es uns aber erst nach einem Jahr dieses Buch zu verkaufen. Da die Rechnung allerdings nach 30 Tagen bezahlt werden musste, haben wir das Geld von der Bank geliehen mit 10 % Zinsen pro Jahr. Die Faustregel für die Lagerkosten besagt, dass ca. 30 Prozent des Verkaufspreises für Lagerhaltung anfallen. Rechnen wir also weiter:

Gewinn 2 Euro
- Zinskosten 1 Euro
- Lagerkosten 3 Euro
Verlust 2 Euro

Diese Rechnung ist natürlich stark vereinfacht, es wurden weiter Kosten wie Personalkosten nicht berücksichtigt, aber es wird dennoch sehr deutlich, dass wir 2 Euro Gewinn verbuchen können, wenn es uns gelingt, dieses Buch binnen 30 Tagen zu verkaufen, gelingt uns der Absatz allerdings erst nach einem Jahr, machen wir sogar 2 Euro Verlust. Es wäre also wirtschaftlicher gewesen, diesen Titel gar nicht erst ans Lager zu nehmen, sondern ihn bei Bedarf beim Großhandel zu bestellen. Durch die große Titelvielfalt und die kurzen Lieferzeiten gilt der Großhandel (Libri, KNV) als Hintergrundlager des Buchhandels. Allerdings hat dies auch zur Folge, dass die Titelvielfalt in den Läden weiter abnimmt.

Zur Buchproduktion:

Die Zahl der Erstauflagen stieg 2004 auf 74.074 Titel (2003 waren es 61.538) und übertrifft damit den bisherigen Rekordwert von 2001 um fast 15%.

Bei fast 75.000 Neuerscheinungen pro Jahr ist es für den Buchhändler sehr schwer geworden, den Markt im Blick zu behalten. Die neuen Bestseller erscheinen im Dreimonatsrhythmus, und ältere Titel verschwinden schnell aus den Regalen. Nur Titel, die sich gut verkaufen, haben eine Chance im Laden zu bleiben , der Platz wird schlicht und ergreifend für die Neuauflagen gebraucht.

Gelingt es einem Buch in den ersten Monaten nach Erscheinen nicht, sich durch gute = hohe Absatzzahlen seinen Platz im Sortiment zu behaupten, verschwindet es wieder aus den Läden und wird bei Nachfrage eines Kunden einfach über den Großhandel bestellt. Da aber ein Großteil der Käufe Spontankäufe sind, sinken die Verkaufschancen eines Titels, der nicht im Laden vorrätig ist, stark.

Fazit:

Das Buch ist wie alle Produkte betriebswirtschaftlichen Zwängen unterworfen, auch wenn kulturelle Aspekte beim Buch eine besondere Rolle spielen. Die Buchpreisbindung zum Beispiel sorgt dafür, dass viele Bücher veröffentlicht werden können, die dies wirtschaftlich nicht rechtfertigen, und dass es überhaupt viele kleine Buchhandlungen geben kann.

Aber auch diese kleinen Buchhandlungen müssen verstärkt wirtschaftlicher arbeiten und mit Warenwirtschaftssystemen ihre Lagerhaltung steuern. Wenn sie dies nicht berücksichtigen, haben sie kaum eine Chance zu überleben. Der Großhandel, mit seinen attraktiven Konditionen, verstärkt dies noch weiter. Die Absatzchancen kleiner Verlage und spezieller Titel sinkt dadurch noch weiter.

Plattdeutsch im Buchhandel

Kommen wir zur besonderen Problematik des plattdeutschen Buches.

Aufgrund seine regionalen Begrenztheit, des kleinen Kundenkreises, der kleinen Verlage und geringen Verkaufszahlen ist es vom Wandel in der Buchbranche stark betroffen. Buchhandlungen können es sich nicht mehr leisten, eine Vielzahl von plattdeutschen Titeln vorrätig zu halten, und wenn, dann werden eventuell ein oder zwei Exemplare ans Lager genommen und nach kurzer Zeit bei Nichtverkauf an den Verlag zurückgesandt.

Ein weiteres Problem ist das Finden und Bestellen plattdeutscher Titel. Der Buchhandel hat sich daran gewöhnt, dass alle Titel leicht per Computer und Internet zu finden sind. Sucht ein Kunde ein in der Zeitung beworbenes Buch, ist dies bei plattdeutschen Büchern oft schwierig und der Kunde entscheidet sich dann gegebenenfalls für einen anderen Titel oder wird mit der Bitte nach genaueren Angaben wieder nach Hause geschickt. Viele Kunden informieren sich auch bereits Zuhause im Internet über Titel, sind diese dann nicht leicht zu finden, wird die Suche oft ergebnislos abgebrochen. Eine zentrale, leicht benutzbare Online-Datenbank könnte hier Abhilfe schaffen.

Es werden nur etwa 75 Prozent der Bücher überhaupt im Buchhandel verkauft. Fast 20 Prozent des Umsatzes wird von den Verlagen direkt erzielt und etwa 5 Prozent entfallen auf die sogenannten Nebenmärkte (Supermärkte, Kioske, Andenkenläden, etc.)

Im Direktverkauf der Verlage an die Kunden sehe ich das größte Potential des plattdeutschen Buchhandels. In jedes Buch sollten Bestellkarten und Prospekte oder auch eine einfache Titelliste und eine Kontaktadresse beigelegt werden. Bewerben SIE direkt die Ihnen bekannten Kunden, bauen SIE verstärkt Kundendatenbanken auf.

Wenn plattdeutsche Bücher den Weg über den Buchhandel zum Kunden nicht mehr finden, wenden SIE sich direkt an den Leser.

Sicher bedeutet dies auch Arbeit und finanziellen Aufwand, aber Sie wollen doch ihre Bücher verkaufen. Weichen Sie auf andere Märkte aus, versuchen verstärkt in Touristenläden oder regionalen Kunstgeschäften Ihre Bücher zu platzieren.

Kinderbuchverlage gehen gezielt in Kindergärten und präsentieren dort ihr Programm.

Bieten Sie Ihre Bücher großen regionalen Firmen als Geschenktip an. Firmen suchen immer originelle Geschenke für Kunden und Mitarbeiter. Warum sollte das Emder VW-Werk nicht plattdeutsche Gedichte als regionale Spezialität in alle Welt verschenken? Ein Buch muss nicht im Buchhandel verkauft werden.

Eine weitere Möglichkeit ist die Buchgemeinschaft, ähnlich wie der Bertelsmann-Club.

Kunden können Mitglied in einem Buchclub werden und erhalten ein- oder zweimal im Jahr ein plattdeutsches Buch, sowie einen Prospekt. Garantierte Absatzzahlen und eine regelmäßige Erinnerung an plattdeutsche Literatur sind so garantiert.

Viel Verlage und Arbeitskreise aus den Bereichen Kinderbuch, Reiseliteratur und Fremdsprachen bieten Seminare in den Schulen des Buchhandels und den großen Ketten an.

Verlage, Recherchemöglichkeiten und verkaufsfördernde Maßnahmen werden dort vorgestellt.

Warum wird in der Buchhandelsberufsschule in Bad Malente kein Seminar dieser Art veranstaltet und so die plattdeutsche Literatur ins Bewusstsein der Jungbuchhändler gebracht?

Abschließend gesagt, Plattdeutsch hat es schwer im Buchhandel. Mangelnde Präsenz der Titel und schlechte Recherchemöglichkeiten erschweren dieses weiter. Der Buchhandel hat sich verändert und deshalb sind auch Autoren und Verlage gezwungen, sich diesen Veränderungen anzupassen. Wenn die nicht geschieht, wird plattdeutsche Literatur noch weiter aus dem Buchhandel verschwinden und sich damit noch weiter vom Kunden entfernen. Eine offensivere Bewerbung und neue Formen des Verkaufs sind für plattdeutsche Bücher dringend notwendig. Geschieht dies nicht, können die Autoren ihre Bücher bald selbst untereinander tauschen und auf einen Verkauf gleich verzichten.

Es bedarf einer Kraftanstrengung der gesamten Szene, sich auf dem Markt neu zu positionieren und die Bedeutung der plattdeutschen Literatur beizubehalten und zu erweitern.

Written on Februar 4th, 2007 , Bevensen Dagfahrt, Diesel Info

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