Dat was ‘n good Week-Enne! De daar west hebben, sünd tofree na Huus torügg.
To dat Thema "Wo hollst du ‘t mit de Religion?" gaff dat ‘n Theater-Upföhren van de Bühn in Rellingen, un anner Dag hett Peter Schütt over Platt un de Islam proot, Pastor Hein Kröger over christelke Schrievers, Siegfried Kessemeier over Jöden, de up PLatt schreven hebben. Un Christina Sufka hett hör Lyrik vörstellt.
Bi dat moi Weer kunn een good in buten sitten bi dat Vörlesen van neje Texten "Up de Kist", daarto hett de Gruppe "Swing up Platt" mit Rika Tjakea Musik maakt.
Musik hebben wi an de eerste Dag al van OTTO GROOTE hatt, un an de darde Dag denn dat Konzert van de Priesdragers Traute Römisch un Andy Mokrus.
Denn noch Kabarett van de QUESENKÖPPE, Bookkritik van dat Klaverbladd, en plattdüüts Gottsdennst – un de Vörstand wurr weerwählt. Blot Fokko Veldman neet, de geiht aver ok na Australien. Van Dr. Veldman hier ‘n Bericht over de Dagfahrt: Bevensen-Dagfahrt
Bevensen 2006 – Greten fragt: "Woans höllst du dat mit de Religion?"
Von Fokko Veldman, Meppel (Niederlande)
Als Thema der diesjährigen Bevensen-Tagung wählte man die Frage, die Gretchen dem Faust stellt: “Wie hältst du’s mit der Religion?”, aber das auf Plattdeutsch. Es geht uns um das Verhältnis von Regionalsprache und Religion, von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet.
Zu jedem der jährlichen Bevensen-Treffen gehört ein plattdeutscher Gottesdienst. Dieses Jahr wird schwerpunktmäßig untersucht, wo überall Niederdeutsch und Kirche sich berühren, sich begegnen, vor allem auf dem Gebiet der Mundartliteratur.
Das Verhältnis von Niederdeutsch und Religion ist vor allem in der Anfangsperiode der neuniederdeutschen Literatur (im 19. Jahrhundert) sehr deutlich zu sehen. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Sammlung von mundartlichen Texten, die 1874 erschienen ist: Das “Algemeen Nederduitsch en Friesch Dialecticon”, zusammengestellt von Johan Winkler. In diesem Werk wird als Grundlage des Textvergleiches das “Gleichnis vom verlorenen Sohn” verwandt. Die fast 200 Übersetzungen kommen aus dem gesamten Niederdeutsch-niederländisch-flämischen Gebiet, von Königsberg (heute Kaliningrad, zu Russland gehörend) bis Dünkirchen in Frankreich. Sicherlich ist zu bedenken, dass die Mehrzahl der Einsender Pastoren waren, aber uns begegnen unter den Übersetzern des Gleichnisses auch bekannte Namen wie Fritz Reuter, Klaus Groth, August Lübben und Friedrich Wilhelm Grimme.
Unter den Dialektschreibern des 19. Jahrhunderts in Groningen (in diesem Gebiet kenne ich mich am besten aus) finden wir, vor allem in der der ersten Hälfte des 19. Jhdts., viele Geistliche, die schreiben aber nicht über theologische Themen. Ihre Geschichten hatten natürlich oft einen moralischen Einschlag, aber das lag mehr am Zeitgeist als an ihrem Beruf; denn denselben moralischen Zeigefinger finden wir auch bei den Autoren, die Schulmeister, Rechtsanwalt und dergleichen waren. Bemerkenswert ist vielmehr, dass die Menschen, die Geschichten im Dialekt aufschreiben, aus eher höhergestellten Schichten der Bevölkerung kommen, und die Mundart in ihrem täglichen Leben wahrscheinlich weniger benutzten, sondern die Standardsprache. Das Schreiben in der Mundart war eine elitäre Beschäftigung, unter anderem durch die Sorge getragen, dass der Dialekt mit fortschreitender Entwicklung der Gesellschaft auch auf dem platten Land langsam verschwinden würde, also musste man diese Sprache erhalten. Das Schreiben in der Mundart war eine Art Denkmalspflege, mit dem Ziel, ein aussterbendes Kulturgut zu bewahren. Zugleich wurde der Dialekt als “bäurisch” betrachtet, und die (oft gereimten) Texte hatten häufig einen derb-komischen Charakter.
1834 gab es in Groningen eine Kirchenspaltung, es trennten sich die “Gereformeerde” Gemeinden von der “Nederlands Hervormde” Staatskirche. Diese Trennung war in starkem Maße eine Volksbewegung, gestützt auf persönliche Glaubenserfahrung und gefördert durch orthodoxe Kreise, als Reaktion auf die “viel zu liberalen Auffassungen” vieler Prediger.
Diese Trennung wurde begleitet von einer großen Zahl Pamphlete und Flugschriften
Ein Teil dieser Schriften erschien auf Groningisch. Es ist schwierig, festzustellen, warum die Schreiber sich der groninger Mundart bedienten, da die meisten Streitschriften auch nur anonym erschienen. Aber es scheint so, dass die Volkssprache gewählt wurde, um die starken Gefühle, die die Schreiber zu ihrem Thema hatten, besser formulieren zu können – in einer für den Leser zwar ungewöhnlichen, aber doch begreifbaren Form. Aber vielleicht
lässt sich im Dialekt auch einfach besser schimpfen.
Der Einfluss der Pastoren auf die Dialektliteratur wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts stets geringer, ihre Rolle wurde übernommen von den Lehrern, eine Tendenz, die sich auch im 20. Jahrhundert fortsetzte. Unter den 205 Autoren, die Quistorf und Sass aufgenommen haben in ihr “Niederdeutsches Autorenbuch” (1959), waren dann nur fünf Pastoren, während 93 Schreibende aus dem Unterrichtswesen kamen. (Das Verhältnis Pastor / Lehrer könnte tatsächlich ein wenig anders sein, da Quistorf / Sass auch Wissenschaftler in diese Liste aufgenommen haben, aber die Veränderung ist deutlich genug sichtbar.)
Auf den Bevensen-Tagungen blicken wir nicht nur zurück, sondern nehmen auch die gegenwärtigen Verhältnisse wahr und sehen, so gut es geht, in die Zukunft. Das Verhältnis von Religion und Niederdeutsch ist nicht einfacher geworden. “Religion” heißt nicht mehr selbstverständlich “evangelisch” oder “katholisch”, in unserer modernen Gesellschaft ist auch der Islam ein wichtiger Faktor geworden. Wie sich dieser Tatbestand in der niederdeutschen
widerspiegelt, darüber hält Dr. Peter Schütt seinen Vortrag.
Die andere Weltreligion, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist das Judentum. Wie die Situation im niederdeutschen Sprachgebiet war, weiß ich nicht. Zu diesem Thema wird mir Dr. Siegfried Kessemeier in seinem Referat einiges erzählen. Aber darüber, wie es auf der niederländischen Seite der Grenze aussah, kann ich etwas berichten, also werde ich mich auf dieses Gebiet beschränken.
Die jüdischen Autoren, die vor dem Zweiten Weltkrieg in groningischer Regionalsprache schrieben, unterscheiden sich nicht von den nichtjüdischen Schreibern. Es ist anhand der Gedichte, Erzählungen oder Theaterstücken nicht abzuklären, ob der Autor nun Jude war oder nicht.
Die jüdischen Nachkriegsautoren dagegen, die den Holokaust selbst überlebten, oder deren Nachkommen setzen sich in ihrem gesamtes Werk mit Massenmordes an den Juden und den Schwierigkeiten mit ihrer jüdischen Identität in der Nachkriegsgesellschaft auseinander.
Der Groninger Autor Saul van Messel (Pseudonym von Dr. Jacob Meijer) ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Er schrieb in Groninger Streektaal, Niederländisch und Hebräisch sehr zynische, meist kurze Gedichte über das Fremdsein im eigenen Lande und über den Mord an den Juden. Ein Vers aus einem seiner Gedichte über einen Gedenkstein für jüdische Opfer lautet:
Golgotha met rente: komt dat zien in Drenthe!
(Golgotha mit Zinsen: kommt seht euch das an hier in Drenthe!)
In seinen Gedichten kommen auch regelmäßig Begriffe und Bilder aus der jüdischen Religion vor, besonders häufig kaddish (Gebet für die Toten) und keiwerowes (Friedhof), aber auch minjen (Mindestzahl Männer für einen Gottesdienst) und allerlei
Gebräuche bei Sabbat, Pessach und Begräbnissen. Aus Deutschland kenne ich keinen vergleichbaren Autor. Das Los der Juden ist natürlich durchaus Thema bei einigen nichtjüdischen plattdeutschen Schriftstellern. Alois Terbille ist ein Name, der in diesem Zusammenhang sofort auftaucht.
Über schreibende Pastoren in der Vergangenheit habe ich mich schon geäußert, aber es gibt im Augenblick wieder mehr als früher. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der Dialekt “salonfähig” geworden ist und nun auch regelmäßig im Gottesdienst gebraucht wird, sondern auch damit, dass die Pastoren heutzutage mehr “mitten im richtigen Leben stehen” als früher.
Seit den 70-er Jahren sind plattdeutsche Gottesdienste populär geworden. Vorher wurde auch wohl im Dialekt gepredigt, aber nicht in diesem Maße. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst in meiner Jugend (das wird um 1954 gewesen sein), in dem ein plattdeutscher Pastor von eben jenseits der Grenze den Gottesdienst abhielt. Die Predigt hat, obwohl ich manche Wörter nicht verstanden hatte, auf mich, den zehnjährigen Jungen, einen großen Eindruck gemacht, weil die Botschaft viel direkter bei mir ankam als in der hochtrabenden Standardsprache der gewöhnlichen Pastoren.
Für den Gottesdienst sind auch Bibeltexte und Kirchenlieder auf Platt nötig, und überall sind Gruppen am Werk, um die Bibel oder Teile davon sowie Kirchenlieder in ihren eigenen Dialekt zu übersetzen. In Groningen ist das ganze Gesangbuch in der Regionalsprache erschienen, dazu große Teile der Bibel. In Twente und Achterhoek wird gleichfalls mit Begeisterung an der Bibelübersetzung gearbeitet, und in Deutschland gibt es ein Plattdeutsches Lektionar, eine Handreichung “Plattdüütsch in de Kark” und verschiedene Bibelübersetzungen, Aber soweit ich weiß, sind das meistens Leistungen Einzelner, während in den Niederlanden Gruppen gemeinsam am Werk sind.
Genauer betrachtet ist es vor allem in der reformierten Kirche eine merkwürdige Angelegenheit, dass der Dialekt benutzt wird im Gottesdienst. In dieser Kirche liegt das Augenmerk stark stark aufi der Verkündigung, und die Übersetzung der Schrift durch die Vorväter wird so sehr in Ehre gehalten, dass jede neue Bibelübersetzung schon im Vorfeld abgewiesen wird. In dieser Konfession ist der Sprachgebrauch sehr feierlich, und etwas, was der Dialekt sicherlich nicht ist, ist: feierlich. Einem der ersten Prediger, der den Gottesdienst auf Groningisch durchführte, wurde von den Kirchenältesten auf die Finger geklopft, weil er vermeintlich ein unziemliches Wort benutzte. Der von ihm verwandte Ausdruck war im Groningischen ein ganz normales Wort, aber das fast gleich klingende Wort im Niederländischen hatte eine unerwünschte Nebenbedeutung. Ich habe übrigens den Eindruck, dass auch heute noch viele Pastoren in ihrer Predigt den Dialekt an die Standardsprache anpassen.
Der Schwerpunkt im protestantischen Gottesdienst liegt in der Verkündigung des Wortes, und auch aus diesem Gesichtspunkt betrachtet ist die Verwendung der Mundart problematisch. Denn ein Dialekt gehört immer zu einem begrenzten geografischen Raum, sobald sich unter den Zuhörern jemand von außerhalb befindet, wird er das Gesagte nicht völlig verstehen. Es ist darum auch nicht in erster Linie die Verstehbarkeit, weshalb der Dialekt in der Kirche gebraucht wird, sondern eher die emotionale Seite der Sprache:
Der Dialekt ist die Sprache, in der der Mundartsprecher zuerst seine Gefühle äußern konnte, und dies auch mit religiösen Gefühlen zu können, ist eine neue und tiefe Erfahrung. Nicht jedem ist es gegeben, sich im Dialekt angemessen auszudrücken, aber selbst diejenigen, die die Regionalsprache von Haus aus nicht so gut kennen, können doch die emotionale Stimmung mitgenießen, die ein Gottesdienst auf Plattdeutsch vermittelt.
Noch mehr kann es befriedigen, die eigenen religiösen Gefühle in dichterischen Texten zu formulieren. Autoren, die ihren Glauben im Dialekt zu Papier bringen, gibt es nicht so sehr viele, aber doch genug. Eine davon ist Christina Sufka, die uns in ihrem Beitrag einen Eindruck vermitteln wird von ihren christlich geprägten Texten in ostfälischem Niederdeutsch.
Das Mystische in der Religion kann auch auf Plattdeutsch ausgedrückt werden. Der traditionelle Theaterabend findet dieses Jahr in der Dreikönigskirche von Bad Bevensen statt. Dort wird ein mittelalterliches Mysterienspiel in einer modernen plattdeutschen Übersetzung aufgeführt. Das Stück ist in gewisser Weise ein Vorläufer der Faust-Stoffes: Theophilus übergibt sich dem Teufel, wird aber durch die Jungfrau Maria doch noch gerettet.
Dass sich der “Faust” hervorragend eignet für eine Umsetzung ins Plattdeutsche, wussten wir schon durch die wunderschöne Faustübersetzung von Friedrich Hans Schaefer, der das Motto der diesjährigen Veranstaltung entlehnt ist.
Am Sonntagmorgen findet wie gewohnt der plattdeutsche Gottesdienst statt, in diesem Jahr predigt Dr. Heinrich Kröger aus Soltau. Neben diesen Programmpunkten, die direkt oder indirekt mit dem Thema der Versammlung zu tun haben, werden die regelmäßigen Angebote wiederum stattfinden, so die Einleitung vor der Konzertmuschel mit Texten und Musik, Lesungen, im Saal und im Park, Literaturkritik, die Jahreshauptversammlung und die Preisverleihung. Am Samstagabend tritt das Kabarett “Die Quesenköppe” auf.
Der Bevensenpreis für Musik, der alle vier Jahre vergeben wird, geht 2006 an Traute Römisch (Hameln) und Andy Mokrus (Hannover).
Wir hoffen auf eine anregende und unterhaltsame Veranstaltung, die hoffentlich nicht einen so dramatischen Verlauf nehmen wird wie die Geschehnisse, die folgten auf Gretchens Frage…
Dr. Fokko Veldman ist Literatur- und Sprachwissenschaftler, er gehörte viele Jahre zum Beirat und zum Vorstand der Bevensen-Tagung. Zum Abschied und in Anerkennung seiner Verdienste um die Tagung erhielt er den Bevensener Siebenstern.